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Ikone der Gegenwart: Sophie Scholl zum 100. Geburtstag

Mit 21 Jahren wurde Sophie Scholl beim Verteilen von Flugblättern gegen Verbrechen der Menschlichkeit und des Nationalsozialismus verhaftet und nur vier Tage später zum Tode vom faschistischen Richter Freisler verurteilt und hingerichtet. Sie wurde zur Ikone des Widerstands gegen den deutschen Hitlerfaschismus.

Ihr Gesicht ist auf vielen Briefmarken abgebildet, Schulen sind nach ihr benannt, ihr Leben ist Stoff zahlreicher Bücher und Filme. Obwohl Scholl erst später zur Widerstandsgruppe Weiße Rose stieß, deren treibende Kraft ihr Bruder Hans Scholl und dessen Freund Alexander Schmorell waren, dominiert die Studentin die kollektive Erinnerung an die Münchner Widerstandsgruppe.

„Jeder meint die Szene zu kennen, in der sie noch im Angesicht der Gefahr die Flugblätter in den Lichthof der Universität hinunterstößt. Es scheint, als wäre diese junge Frau zur Heldin geboren“, schreiben die Historiker. Sie ist „zu einem Klischee für das Gute und für die Rebellion geworden, eine Heilige ohne negative Züge“. Sie habe aber viele Charakterzüge gehabt, von denen „die todesmutige Gefangene, wie sie am Ende vor dem Volksgerichtshof steht, nur eine von vielen“ war. Sie wird oft „zum Teil in einem schmerzhaften Entwicklungsprozess“ beschrieben, den sie durchlebte. Vom „begeisterungsfähigen, mitunter naiven Mädchen“, das sich viele Jahre beim Bund Deutscher Mädel engagierte, dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend, hin zur „kritischen und charakterstarken Frau“, die sich dem Widerstand anschloss.

Die Historiker beschönigen nichts: Sie überprüfen Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt und konstruierten so den Mythos, der über die Jahrzehnte um Scholl entstanden ist. Am mutigen Handeln von Scholl und ihren Gefährten ändert das nichts. Sie alle stammten aus dem Bürgertum, und es ging ihnen materiell gut. Sie hätten das Kriegsende – von dem sie glaubten, dass es nahe sei – einfach abwarten und versuchen können, bis dahin ohne größere Schäden durchzukommen. Die Mitglieder der Weißen Rose sind nicht die Einzigen gewesen, die den Nationalsozialismus ablehnten, aber sie gehörten zu den wenigen, die ein hohes Risiko auf sich nahmen, um auf das schreiende Unrecht hinzuweisen.

So auch am 18. Februar 1943: Sophie und Hans Scholl gingen zur Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, um Flugblätter abzulegen. Als sie das Gebäude bereits wieder durch den Hinterausgang verlassen hatten, bemerkten sie, dass sie nicht alle Flugblätter verteilt hatten. Sie entschieden sich, zurückzugehen und die restlichen Flugblätter im zweiten Stock des Lichthofs auszulegen. Sophie Scholl gab dem Stapel auf der Balustrade einen Stoß, und die Flugblätter wirbelten in den Lichthof, eine Szene, die zu einem Sinnbild für den Widerstand und Symbol der Weißen Rose wurde und die zur Festnahme der Geschwister führte, denn der Hausmeister sah die herab fallenden Flugblätter und verständigte die Gestapo. In den getrennt voneinander geführten Verhören leugneten beide Geschwister, etwas mit den Flugblättern zu tun zu haben. Als Hans Scholl aber mit Indizien konfrontiert wurde, gestand er – nicht zuletzt, um seinen Freund Christoph Probst, der Vater von drei Kindern war, zu schützen. Dieser wurde dennoch Stunden später ebenfalls festgenommen. Als Scholl erfuhr, dass ihr Bruder nicht mehr leugnete, gestand sie ebenfalls. Die Möglichkeit, die ihr von der Gestapo gegeben wurde, sich als Opfer ihres Bruders herauszureden, um ihre Strafe zu mildern, nutzte sie nicht.

Seit ihren Geständnissen wussten Hans und Sophie, dass sie verloren waren. Bedenkt man, dass das gesamte Netzwerk der Weißen Rose aus mehr als fünfzig Personen bestanden hat, ist es den Verhafteten doch gelungen, den Kreis der ersten Verdächtigen erstaunlich klein zu halten. In den Verhören der nächsten beiden Tage sei es nur noch darum gegangen, möglichst viele Freunde und Freundinnen zu schützen. „Verhandlungstaktisch verhielt er sich sehr geschickt“, sagte der Gestapo-Chef, der das Verhör führte, später über Hans Scholl.

Den Geschwistern Scholl, und Christoph Probst wurden Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung vorgeworfen. Am 22. Februar um 9.00 Uhr wurde das Verfahren gegen sie eröffnet, wenige Stunden später wurden die drei Angeklagten zum Tod verurteilt und um 17.00 Uhr hingerichtet. Weitere Festnahmen und Todesurteile sollten folgen, so wie von Alexander Schmorell und Professor Huber.

Gesichert könne heute gesagt werden, dass Sophie Scholl aus ethisch-religiöser Überzeugung handelte. Die Mitglieder der Weißen Rose, wie auch der heute Heilige Alexander Schmorell, hat ein ethisch-christlicher Anspruch verbunden: „Dieser Widerstand war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil sie die Macht des Wortes überschätzten und die Trägheit der Menschen unterschätzten. Politisch war der Widerstand also aussichtslos, moralisch aber für sie unausweichlich. Sophie Scholl und ihre Gefährten waren durchdrungen von einer hohen christlichen Geisteshaltung, Verantwortungsbewusstsein, Empathie und Freiheitsleidenschaft.

Sophie Scholl habe als Jüngste und als einzige Frau im innersten Kreis der Widerstandsgruppe immer eine besondere Rolle gespielt, deswegen gebührt ihr, wie Alexander Schmorell, eine Ikone der Gegenwart zum 100. Geburtstag.

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